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Die Mythologie der Bibel: Vom Paradies zum Paradies

Um die Ereignisse in Judäa im ersten Jahrhundert n. Chr. verstehen zu können, müssen wir uns zunächst mit der Mythologie des religiösen Judentums, wie sie uns in der Bibel entgegentritt, beschäftigen.
In der Bibel beginnt die Welt - von Gott geschaffen - mit der Anlage eines Gartens in Eden, dem Paradies, in welchem Gott die von ihm geschaffenen Menschen leben lässt (Gen 2,8 ff.). Da sie jedoch ein göttliches Verbot missachten, wirft Gott sie hinaus, worauf die Menschen fortan für ihren Lebensunterhalt mühevoll schuften müssen.
Aber letztlich schmerzte dieser Rauswurf Gott, hatte er seine Geschöpfe eigentlich doch sehr lieb, und wollte gerne wieder mit ihnen zusammenleben. Aber - Strafe musste sein: Sein Volk soll sich zunächst bewähren, soll zeigen, dass es sich gebessert hat. Dann, erst dann wird er wieder das Paradies eröffnen und darin auf ewig mit ihnen zusammenleben. Das heißt, für einen Israeliten ist die Weltgeschichte ein Weg vom Paradies zum Paradies, von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Ende, das eben darin besteht, dass Gott in einer ewigen Heilszeit mit seinem Volk und den anderen botmäßigen Völkern im Paradies in vollkommener Harmonie zusammenlebt. Und die Geschichte der israelitischen Religion ist eine Geschichte der jüdischen Sehnsucht nach diesem finalen Reich Gottes.
Und alles, was den Israeliten jeweils widerfuhr, deuteten sie stets als von Gott verursacht: War es etwas Positives - zum Beispiel ein Sieg über ein Nachbarvolk - so verstanden sie es als Belohnung vonseiten ihres Gottes, widerfuhr ihnen Schreckliches, deuteten sie es als Strafe ihres Gottes für irgendein Fehlverhalten ihrerseits. Das betrifft nicht nur das, was dem gesamten Volk widerfährt, sondern auch das, was jedem einzelnen Individuum von Gottes Volk geschieht: Wird jemand krank, so zeigt das, dass derjenige gesündigt hat, denn sobald ein Mensch sündigt, flieht ihn Gottes Geist, Dämonen können nun ungehindert von dem sündigen Menschen Besitz ergreifen und ihn ganz nach ihrem Schlechtdünken steuern. Sichtbar wird dies äußerlich, dass dieser sündige Mensch krank wird; Krankheit ist für den Israeliten immer ein Hinweis auf Dämonenbefall und damit darauf, dass dieser Mensch sündig geworden und von Gott verlassen worden ist. Wenn einem Israeliten ein Unglück widerfährt, so ist auch dies ein Zeichen dafür, dass er gesündigt und Gottes Geist ihn verlassen hat. So sind die achtzehn Menschen, die nach Lk 13,4 beim Einsturz eines Turms in Jerusalem ums Leben kamen, für einen Israeliten keinesfalls bemitleidenswert; nein, dass ihnen das widerfahren ist, zeigt, dass sie Schuld auf sich geladen haben, Gottes Geist sie deshalb verlassen und sie auf diese Weise bestraft hat; Fazit: Geschieht ihnen recht!
Widerfuhr also den Israeliten Schreckliches, so zeigte dies, dass sie gesündigt hatten und das schreckliche Geschehen von ihrem Gott als Strafe verhängt worden war. Diese Sichtweise ist bei den Israeliten grundlegend - von ihren ersten Anfängen bis zum heutigen Tag. Sie deuteten ihre Geschichte stets als Handeln ihres Gottes, das sie betraf. Mit dieser Erkenntnis haben wir den Schlüssel für das Verständnis der israelitischen Geschichte.

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