04E2b:

Krasse soziale Missstände und Vielgötterei im Gelobten Land und das Aufkommen des Messias-Gedankens

In der Bibel steht, Jahwe, der Gott der Israeliten, habe ihnen gelobt, sie "in ein schönes, weites Land [zu führen], in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaanäer, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter" (Ex 3,8). Mit der Sesshaftwerdung der Israeliten in Kanaan hatte Gott sein Versprechen erfüllt - glücklich werden mussten sie dort jetzt selbst - und sich bewähren.
Aber es kam alles ganz anders: Kaum waren die Israeliten sesshaft geworden, kaum kam es zur Erwirtschaftung von nennenswertem Mehrprodukt, gab es auch schon jene netten Zeitgenossen, die meinten, sie hätten ein Recht darauf, sich dieses Mehrprodukt anzueignen. Sie entwickelten sich unter den Königen rasch zu einer veritablen "Upperclass", die buchstäblich "die Sau rausließ": In ihrer unersättlichen Gier kannten sie keine moralische Grenze:

"Mein Volk - seine Herrscher sind voller Willkür,
Wucherer beherrschen das Volk.
[...] mit den Ältesten und den Fürsten [...]
habt [ihr des Volkes] Weinberg geplündert;
eure Häuser sind voll von dem,
was ihr den Armen geraubt habt.
Wie kommt ihr dazu, mein Volk zu zerschlagen?
Ihr zermalmt das Gesicht der Armen". (Jes 3,12-15)
"Weh euch, die ihr Haus an Haus reiht
und Feld an Feld fügt,
bis kein Platz mehr da ist
und ihr allein im Land ansässig seid." (Jes 5,8)
"Er hoffte auf Rechtsspruch -
doch siehe da: Rechtsbruch -
und [er hoffte] auf Gerechtigkeit -
doch siehe da: Der Rechtlose schreit." (Jes 5,7)
"Wo ist denn dein König, der dich retten könnte,
dich und all deine Städte?" (Hos 13,10)
"Wehe den Sorglosen auf dem Zion
und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria.
Wehe den Vornehmen des ersten unter den Völkern,
den Herren des Hauses Israel!
[...]
Ihr […] führt die Herrschaft der Gewalt herbei.
Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein
und faulenzt auf euren Polstern.
Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde
und Mastkälber aus dem Stall.
Ihr grölt zum Klang der Harfe,
ihr wollt Lieder erfinden wie David.
Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen,
ihr salbt euch mit dem feinsten Öl [...]." (Am 6,3-6)

Auch der Prophet Micha klagt an: "Aus seiner persönlichen Anschauung kannte er die Missstände, gegen die er sich wandte, insbesondere die von Jerusalem ausgehende Auflösung des alten Bodenrechts zugunsten der Großgrundbesitzer. Die ungewöhnliche Schärfe und Bitterkeit seiner Anklagen und Drohungen erklären sich aus dem Mitgefühl mit den Leiden der Bauern und aus der Verachtung für die Berufspropheten, die den Reichen nach dem Munde redeten, um daran zu verdienen"[1].
Landraub, Korruption, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung!
Für die Propheten war klar: Das konnte ihr Gott nicht gewollt haben, war er doch der Gott des ganzen Volkes und nicht der Gott einer gerissenen Clique skrupelloser Profiteure.
Zugleich gab es aus eigennützigen Motiven heraus auch stets das Drängen der Jahwe-Priesterschaft, die Kultorte der Götter der anderen Völkerschaften Kanaans zu zerstören und deren Priesterschaft zu töten. Angeblich verlange dies Jahwe. Geschehe das nicht, würden die israelischen und judäischen Könige mit Jahwes Zorn, sprich: mit Bestrafung rechnen müssen. Angesichts der Probleme der großen Masse der armen israelitischen Bevölkerung erträumten sich die Propheten das Kommen eines Königs, dessen Königsherrschaft zur Rückkehr der vermeintlich glorreichen Zeiten des Königs David führen sollte, eines Gesalbten (= König, hebr. Maschiach, = Messias, griech. Christós, latinisiert Christus) aus dem Geschlecht König Davids aus Betlehem.

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1. Fohrer, Georg: Geschichte der israelitischen Religion. Berlin: Walter de Gruyter & Co, 1969, S. 259

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