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Mühevoller Neubeginn in Palästina
Die Zeit des Babylonischen Exils sollte für die Verschleppten bis 538 v. Chr. dauern. "Der Sieg
des [Perserkönigs] Kyros über das neubabylonische Reich (538 v. Chr.) brachte den deportierten Judäern bzw. ihren Nachkommen die
Möglichkeit, nach Palästina zurückzukehren. Denn nach dem Willen des neuen Herrschers sollte das persische Weltreich nicht mehr ein
politisch-militärischer Verband unterjochter Völker unter der Führung eines Herrschervolkes, sondern ein durchgebildetes Staatswesen
von gleichberechtigten Bürgern sein. Im Zuge dieser Politik erhielten unter anderen die Judäer die Erlaubnis zur Rückkehr in ihre Heimat.
Kyros gestattete ihnen, die seinerzeit von Nebukadnezar nach Babylon gebrachten Tempelgeräte mitzunehmen, und ordnete den Wiederaufbau
des Tempels in Jerusalem auf Staatskosten an; dieser Teil des königlichen Edikts ist in der aramäischen Urgestalt in Esr 6,3-5 enthalten. Nur ein Teil der in Babylonien lebenden Judäer machte von der Erlaubnis zur Heimkehr Gebrauch. Als Kommissar für das der Provinz Samarien als besonderes Gebiet beigegebene Juda setzten die Perser den Davididen Scheschbazar ein, der wohl noch beim wieder gefeierten Laubhüttenfest des Jahres 537 v. Chr. den Grundstein für den neuen Tempel gelegt hat. Außerdem wurde auf dem Tempelplatz ein Altar errichtet, sodass der Opferkultus in Gang kam, bevor der Tempel erbaut war. Scheschbazar und die anderen Heimkehrer stifteten Geld und Weihegaben für die Ausstattung des Tempels und für den Kultus; auch die in Babylonien Zurückgebliebenen hatten dazu beigesteuert. Obwohl der Tempel aus persischen Mitteln errichtet werden sollte, ergab sich doch eine gegenüber der Königszeit geänderte Situation. Der salomonische Tempel war königliches Eigentum gewesen, vom König errichtet und der Dynastie gehörig. Das Volk zahlte wohl Abgaben für seine Erhaltung, aber über ihre Verwendung verfügte wieder der König. Der Unterhalt des neuen Tempels dagegen sollte nach dem Wegfall des judäischen Königtums vom Volk finanziert werden und der Tempel ihm gehören, sodass an die Stelle des früheren Königs- und Staatstempels ein Volkstempel trat. Zugleich bildete der Hohepriester an Stelle des früheren Oberpriesters die Spitze der Hierarchie. Jedoch die Verhältnisse in Juda gestalteten sich schwierig, teilweise offenbar chaotisch; von der angekündigten Heilszeit war nichts zu bemerken. Darüber gerieten die Arbeiten am Tempel bald ins Stocken, wenn sie überhaupt über die Grundsteinlegung und die Errichtung des Altars hinaus gediehen waren. Alle Rückkehrer waren voll damit beschäftigt, für sich selbst ein Haus zu schaffen und den Lebensunterhalt zu erwerben."[1] In diesem historischen Kontext schuf der Prophet Deuterojesaja die vier sogenannten "Gottesknechtslieder", welche er in den bereits vorhandenen Text des Propheten Jesaja einfügte: Jes 42,1-9; Jes 49,1-9c; Jes 50,4-9 und Jes 52,13-53,12. __________ 1. Fohrer, Georg: Geschichte der israelitischen Religion. Berlin: Walter de Gruyter & Co, 1969, S. 338/9 |