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Die Gottesknechtslieder verstehen

Im historischen Kontext der Rückkehr von Israeliten aus der babylonischen Gefangenschaft nach Palästina/Judäa nach 538 v. Chr. schuf der Prophet Deuterojesaja die vier sogenannten "Gottesknechtslieder", welche er in den bereits vorhandenen Text des Propheten Jesaja einfügte: Jes 42,1-9; Jes 49,1-9c; Jes 50,4-9 und Jes 52,13-53,12.
Mit der ersten Erwähnung des "Gottesknechts" ist Gesamt-Israel gemeint, also die Gesamtheit der Juden: "Du, mein Knecht Israel, du, Jakob, den ich erwählte, Nachkomme meines Freundes Abraham: Ich habe dich von den Enden der Erde geholt, aus ihrem äußersten Winkel habe ich dich gerufen. Ich habe zu dir gesagt: Du bist mein Knecht, ich habe dich erwählt und dich nicht verschmäht." (Jes 41,8/9)
Bereits das erste Lied vom "Gottesknecht" - so, wie dann auch alle folgenden "Gottesknechtslieder" - versteht unter diesem Begriff lediglich den aus dem Babylonischen Exil nach Judäa zurückgekehrten Rest der exilierten Juden. Während sich in der Zeit des Exils in Judäa und Palästina alle möglichen Religionen und Götter finden und selbst bei vielen zurückgebliebenen Juden Jahwe kaum noch eine Rolle spielt, fühlen sich die Rückkehrer als jene, die für die Sünden aller Juden Sühne geleistet haben und jetzt als geläuterte Speerspitze ihres Gottes Jahwe, des einzig existierenden Gottes, in Jahwes Gelobtes Land, in seine Stadt Jerusalem zurückkehren. Sie fühlen sich als geistig-religiöse Elite ihres in Palästina "verwilderten" Volkes: Sie bringen "den Völkern das Recht" (Jes 42,1), "auf sein [Jahwes deuteronomisches] Gesetz warten die Inseln" (Jes 42,4), sie sind "das Licht für die Völker" (Jes 42,6) und öffnen ihnen die Augen (Jes 42,7): "Ich bin Jahwe, das ist mein Name, ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern (Jes 42,8) [...] Vor mir wurde kein Gott erschaffen und auch nach mir wird es keinen geben. Ich bin Jahwe, ich, und außer mir gibt es keinen Retter." (Jes 43,10/11)
Man kann davon ausgehen, dass die Rückkehrer von den Alteingesessenen in Palästina nicht gerade mit offenen Armen empfangen wurden: Deuterojesaja spricht von den Heimkehrern als "dem tief verachteten Mann, dem Abscheu der Leute, dem Knecht der Tyrannen [also der babylonischen Herrscher]". Und da nun diese abgerissenen Heimkehrer ihnen Jahwe als Siegergott, als den alleinigen Gott verkaufen wollen, entgegnen sie ("Zion sagt"): "Der Herr [also Jahwe] hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen." (Jes 49,14)
Deuterojesaja argumentiert dagegen: "So spricht der Herr: Wo ist denn die Scheidungsurkunde, mit der ich eure Mutter fortgeschickt habe? Wo ist mein Gläubiger, dem ich euch verkauft habe?" (Jes 50,1) "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: Ich [Jahwe] vergesse dich [Zion/Israel] nicht." (Jes 49,15) Und Deuterojesaja erklärt ihnen jetzt, warum sie Jahwe (vorübergehend scheinbar) verlassen hat: "Seht, wegen eurer bösen Taten wurdet ihr verkauft, wegen eurer Vergehen wurde eure Mutter fortgeschickt." (Jes 50,1)

Weil das vierte "Gottesknechtslied" in der Folge eine bedeutende Rolle spielt, sei es hier im Wortlaut abgedruckt:

Jes 52,13-53,12:
"52,13 Siehe, mein Knecht wird Erfolg haben, / er wird sich erheben und erhaben und sehr hoch sein. 14 Wie sich viele über dich entsetzt haben - / so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, / seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen -, 15 so wird er viele Nationen entsühnen, / Könige schließen vor ihm ihren Mund. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, / das sehen sie nun; was sie niemals hörten, / das erfahren sie jetzt.
53,1 Wer hat geglaubt, was wir gehört haben? / Der Arm des HERRN - wem wurde er offenbar? 2 Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, / wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, / sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, / dass wir Gefallen fanden an ihm. 3 Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, / ein Mann voller Schmerzen, / mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, / war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. 4 Aber er hat unsere Krankheit getragen / und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, / von ihm getroffen und gebeugt. 5 Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, / wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, / durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, / jeder ging für sich seinen Weg. Doch der HERR ließ auf ihn treffen / die Schuld von uns allen. 7 Er wurde bedrängt und misshandelt, / aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, / und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, / so tat auch er seinen Mund nicht auf. 8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, / doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten / und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen. 9 Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab / und bei den Reichen seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat / und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. 10 Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. / Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. / Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. 11 Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht. / Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; / er lädt ihre Schuld auf sich. 12 Deshalb gebe ich ihm Anteil unter den Großen / und mit Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab / und sich unter die Abtrünnigen rechnen ließ. Er hob die Sünden der Vielen auf / und trat für die Abtrünnigen ein."

Deuterojesaja macht hier das babylonische Los der heimgekehrten Exilgruppe möglicherweise schlimmer, als es wirklich war, vielleicht um bei den Alteingesessenen Mitleid zu erwecken und so die Akzeptanz für die Heimkehrer zu erhöhen: "Viele haben sich über ihn [den Gottesknecht] entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch [...]." (Jes 52,14) "Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt." Und so weiter. Da also die Exilanten für euer aller Sünden gebüßt haben, ist es nur mehr recht und billig, dass ihr sie akzeptiert und ihnen bei der Wiederansiedelung in ihrer alten Heimat helft: "Du sollst sie alle wie einen Schmuck anlegen, du sollst dich mit ihnen schmücken wie eine Braut." (Jes 49,18)

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