04E2i:

Der Lehrer der Gerechtigkeit, die Essener und ihre neue Art, die Schriften der Propheten zu lesen

Etwa zur Entstehungszeit des Daniel-Buches kam es zu einem Ereignis am Jerusalemer Tempel, das den damaligen Juden eine neue Organisation, die Essener, bescheren sollte, die für die weitere Entwicklung des eschatologischen Geschehens in Judäa schwerwiegende Folgen hatte.
"Die Priesterschaft [am Jerusalemer Tempel] wurde einmal von zadoqidischen Priestern gebildet, die mit der ersten Gruppe von Heimkehrern aus Babylonien gekommen waren. Ferner kehrten mit Esra einige Priester zurück, die sich auf Itamar zurückführten (Esr 8,2) und daher wohl von Abjatar abstammten (vgl. I Sam 22,20; I Chr 24,3). Ein gewisser Ausgleich zwischen den beiden rivalisierenden Gruppen wurde dadurch erreicht, dass Aron zum gemeinsamen letzten Stammvater erklärt wurde; doch behielten die zadoqidischen Priester die führende Stellung."[1] Etwa um 150 v. Chr. wurde der zeitweilige Hohepriester, dessen Namen wir nicht kennen, von dem damaligen jüdischen Machthaber Jonatan aus dem Amt gedrängt und Jonatan erklärte sich selbst zum Hohenpriester. Zugleich ging Jonatan vom bisher verwendeten Sonnenkalender Ägyptens zu dem im seleukidischen Einflussbereich verwendeten Mondkalender über, der im Prinzip auf dem babylonischen Mondkalender fußt. Diese Maßnahmen stellten einen zerstörerischen Eingriff in das fragile Machtverhältnis unter der Jerusalemer Tempelpriesterschaft dar. Aus Protest sagten sich zadoqidische Gruppen vom Tempel los und bildeten die Gemeinde von Qumran am Nordwestzipfel des Toten Meeres.
Der aus dem Amt gedrängte Hohepriester bildete das Haupt der Gemeinde und nannte sich hinfort "Lehrer der Gerechtigkeit", die Gemeinde erhielt den Namen "Essener" (die "Reinen"). Ihre Ziele waren, die Rechtmäßigkeit der Amtsinhaber des Hohenpriesteramtes am Jerusalemer Tempel sicherzustellen und die Rückkehr zum Sonnenkalender im Tempelkult.
Wie die gesamte nachexilische eschatologische Richtung waren auch die Essener felsenfest davon überzeugt, dass die Prophetenschriften samt und sonders von Gott inspiriert waren und Gottes Wort darstellten. Deshalb widmeten sie dem Studium der Prophetenschriften - wie die eschatologische Richtung überhaupt - größte Aufmerksamkeit.
"Eine besondere Einsicht des Lehrers der Gerechtigkeit bestand in der Auffassung, alles, was Gott die biblischen Propheten einst hatte niederschreiben lassen, habe sich von vornherein nie auf deren Zeitverhältnisse bezogen. Es seien vielmehr Weissagungen Gottes für die letzte Phase der Geschichte, jene Zeit also, die er gerade miterlebte."[2] "[...] er selbst und seine Anhänger [waren] fest davon überzeugt, in der letzten Phase der Weltgeschichte vor dem Endgericht Gottes und dem Anbruch der Heilszeit zu leben. Diese Wende zum Heil glaubten sie sogar so nahe, dass sie das künftige Auftreten des Messias aus dem Hause Davids in ihrer ältesten Gemeindeordnung [...] und in der liturgischen Segensordnung [...] bereits als fast schon gegenwärtig mitberücksichtigt haben."[3]
"Dieses Schriftverständnis [...] hatte enorme Folgewirkungen. Es hat die Essener geprägt, solange sie bestanden haben. Johannes der Täufer, Jesus und das frühe Christentum haben es übernommen, allerdings dann ihre eigene Zeit als diejenige Phase der Geschichte betrachtet, der die alten Weissagungen der biblischen Propheten [wie sie alle glaubten] galten. [...]
Vor dem Lehrer der Gerechtigkeit hat niemand die biblischen Prophetenbücher in dieser aktuellen Bedeutung verstanden. Deren Aussagen wurden stets auf die Zukunft bezogen. Man wartete auf Verhältnisse, die von den Propheten [vermeintlich] ausdrücklich als erst künftig bevorstehend angekündigt worden waren. Dass man mitten in einer von den Propheten gleichsam wie für deren Gegenwart beschriebenen, aber diesen gegenüber künftigen Zeit lebte, war die folgenreichste Erkenntnis des Lehrers der Gerechtigkeit."[4]
Dann war es höchst wahrscheinlich, dass Gott durch die Propheten den Zeitpunkt des göttlichen Endgerichts und des Beginns der Heilszeit sowie die näheren Umstände seines Kommens in verschlüsselter, aber durchaus entschlüsselbarer Weise mitgeteilt hat. Es galt also, aus den Prophetenschriften dieses Datum und die Angaben zu den näheren Umständen der Endzeit sozusagen herauszudestillieren.
Der Lehrer der Gerechtigkeit ging wohl davon aus, dass er das Kommen des Messias, das Endgericht und den Beginn der Heilzeit, das Reich Gottes, noch erleben werde. "'Als der Lehrer der Gerechtigkeit um 110 v. Chr. eines natürlichen Alterstodes starb, hatten sich seine Naherwartungen von Endgericht und Heilszeit sowie das Kommen des Messias noch nicht erfüllt.
Das setzte bei den Hinterbliebenen Denkprozesse in Gang, die zu einer Neuorientierung führten. Wenn die biblischen Propheten die gesamte letzte Phase der Weltgeschichte vorausblickend im Einzelnen beschrieben hatten, dann mussten sich in ihren Büchern auch Daten finden lassen, denen die Dauer dieser Zeitphase und der Termin des Endgerichts zu entnehmen war.'[5]
Nun, die Essener errechneten als Termin des Endgerichts das Jahr 70 v. Chr. Als dieses Jahr verstrich und kein Endgericht eintrat, rechneten die Essener noch einmal nach, bemerkten einen Fehler in ihrer Rechnung und ermittelten nun das Jahr 70 n. Chr. für das Endgericht. Für die Endzeit bis zum Endgericht und dem Beginn der Heilszeit kamen sie auf einen Zeitraum von 40 Jahren[6].
[Dann musste noch vor dem Jahr 30 n. Chr. nach dem Propheten Maleachi (3,23/4) der Prophet Elija wiederkehren und Gott einen Weg durch die Wüste bahnen und in der Steppe eine ebene Straße für ihn bauen (s. Jes 40,3).]
Obwohl die Essener zahlenmäßig nur einen geringen Prozentsatz der palästinischen Juden ausmachten - der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus schätzte sie 70 n. Chr. auf etwa 4000[7] -, war ihr geistiger Einfluss auf die jüdische Gesellschaft erheblich: Es gelang ihnen, dass die Idee vom baldigen Kommen des Messias und dem Gottesreich nahezu zum Allgemeingut des palästinischen Durchschnittsisraeliten wurde. Je näher das Jahr 70 n. Chr. kam, desto fiebriger wurde die intellektuelle Atmosphäre in weiten Schichten des Landes und sicherlich gerade auch bei der Jugend."[8]

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1. Fohrer, Georg: Geschichte der israelitischen Religion. Berlin: Walter de Gruyter & Co, 1969, S. 393
2. Stegemann, Hartmut: Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1993, S. 172
3. Ebenda
4. Ebenda, S. 172/3
5. Ebenda, S. 173
6. Ebenda, S. 288
7. Nach ebenda, S. 194
8. Martin, Wolfgang: Was Sie schon immer über Jesus wissen wollten. Berlin: Martin, Wolfgang, 20182, S. 25-27

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