06E3:

Jesus und das Zerwürfnis unter den Nazoräern in Betanien (Jordan)

Mit dem Buch des Orientalisten Hartmut Stegemann "Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus"[1] war klar: Jesus war dem Jüngerkreis um Johannes den Täufer zuzuordnen; Jesus hat sich also nicht nur von Johannes taufen lassen, sondern er hat diesem in Betanien, dem Wirkungsort von Johannes dem Täufer, zusammen mit anderen Jüngern assistierend zur Seite gestanden; es bestand somit ein Schüler-Meister-Verhältnis zwischen Jesus und Johannes.
Indem der Verfasser des Markus-Evangeliums die Bezeichnung "Nazoräer" für Jesus, wie wir oben gesehen haben, absichtlich fälschlicherweise auf den Ort Nazaret bezog, Matthäus dies in seinem Evangelium noch bekräftigte und es sich die nachfolgende Kirche angelegen sein ließ, diese Mogelei des Markus zu decken - alles deshalb, um die Göttlichkeit Jesu behaupten zu können -, blieben so unglaubliche 2000 Jahre lang die wahren Zusammenhänge verborgen.
Begünstigt wurde diese Falschmünzerei noch dadurch, dass sich das Zerwürfnis zwischen Jesus und seinen nazoräischen Genossen nur schwer in den Evangelien erkennen lässt. - Aber - es lässt sich doch indirekt erschließen:
Jesus beschließt, nach der Rückkehr nach Kafarnaum das Werk des Johannes (Verkündigung des Evangeliums) in modifizierter Form fortzuführen und zu Ende zu bringen: Zwar waren "ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems" (Mk 1,5) zu Johannes an den Jordan gezogen, um sein Evangelium zu hören und sich von ihm taufen zu lassen, aber Jesus wollte auch den Juden in Galiläa und in den jüdischen Gemeinden größerer hellenisierter Städte im Norden Palästinas das Evangelium verkünden. Das tut er also als Nazoräer, und was er tut, ist ganz im Sinne seines Meisters Johannes. Es wäre also zu erwarten gewesen, dass seine Mit-Nazoräer ihn dabei personell unterstützten. Dem war jedoch nicht so. Warum? Diese wussten, dass er sich anschließend in Jerusalem kreuzigen lassen wollte, und das wollten sie nicht durch ihre Mitwirkung auch noch unterstützen. Stattdessen gewinnt Jesus Helfer in seiner Heimat, denen gegenüber er zunächst seine Absicht, sich in Jerusalem kreuzigen zu lassen, verheimlicht. Dass Jesus also seine Evangeliumsverkündigungstour im Norden mit Leuten aus seinem galiläischen Freundes- und Bekanntenkreis unternimmt und nicht mit Nazoräern aus dem Jüngerkreis des Johannes, ist das eine Indiz für das Zerwürfnis unter den Nazoräern in Betanien, der Taufstelle des Johannes.
Das zweite Indiz für das Zerwürfnis Jesu mit dem Nazoräerkreis ist etwas schwieriger auszumachen:
Erst auf dem Weg nach Jerusalem bereitet Jesus seine Jünger darauf vor, dass er in Jerusalem gekreuzigt werden würde - das hat er ihnen bisher verschwiegen. Als Jesus seinen Jüngern das mitteilt, "nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe" (Mk 8,32). Er will Jesus diese "Schnapsidee" ausreden, das aber würde bedeuten - so sieht es Jesus -, dass die Schrift (Jesaja) nicht erfüllt, das Kommen Gottes verhindert und die Herrschaft der Mächte der Finsternis, des Satans, verlängert wird. Schroff weist Jesus ihn deshalb zurecht (Mk 8,33): "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will [...]." Für Jesus spricht aus Petrus Satan, der Petrus benutzt, um den Versuch zu unternehmen, Jesus seine Absicht auszureden, sich in Jerusalem kreuzigen zu lassen. - Diese "Versuchung" gab es bereits schon vorher in Betanien (Wüste). Bei Markus heißt es (1,12): "Danach [nach der Taufe] trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt." Schauen wir uns hier den "Satan" und die "Versuchung" einmal genauer an: Wir erinnern uns, dass er Petrus, der "versucht", ihm seinen Kreuzestod auszureden, "Satan" nennt (Mk 8,33). Gehen wir davon aus - wie wir das schon weiter oben erwähnt haben -, dass es unter den Nazoräern - insbesondere nach der Verhaftung ihres Meisters Johannes - Diskussionen, Meinungsaustausch und Meinungsbildung gegeben haben muss, dann kann man sich vorstellen, worin die "Versuchung" bestand: Jesus wird mit seiner Ansicht, es müsse einer Jesaja erfüllen und sich als Opferlamm kreuzigen lassen, nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung gestoßen sein. Mit-Nazoräer sind anderer Meinung, haben eine andere Sichtweise und "versuchen", Jesus diese Idee auszureden. Jesus nennt Petrus später, als er das auch "versucht", Satan; das also ist der "Satan", der laut Markus (1,13) Jesus in "Versuchung" führte. Satan spricht in Betanien durch die Mit-Nazoräer; durch diese versucht Satan, Jesus von dieser Idee abzubringen. Denn hätte Satan es durch die Mit-Nazoräer geschafft, Jesus seine Idee auszureden, wäre die Schrift (Jesaja) nicht erfüllt worden, Jesus hätte nicht seine "Heilstat" vollbracht und die Macht des Satans in der Welt wäre weiterhin ungebrochen geblieben. - So jedenfalls sah dies Jesus - und Jesus blieb dabei, diese Rolle des Opferlamms übernehmen zu wollen. Das ist wohl seinen Mit-Nazoräern nicht entgangen - und es war ihnen nicht gleichgültig. Offenbar sannen sie darauf, wie man Jesus, falls er sich tatsächlich kreuzigen lassen würde, das Leben retten könnte.[2]

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1. Stegemann, Hartmut: Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1993, S. 303/4
2. S. dazu Martin, Wolfgang: Was Sie schon immer über Jesus wissen wollten. Berlin: Martin, Wolfgang, 20182, S. 52 ff.

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