08E2:

Jesus provoziert in Jerusalem das Tempel-Establishment und erreicht so seine Kreuzigung

1. Szene:

Joshua geht nach links zum königlichen Portikus an der Südseite des Tempelareals. Hier, in und vor diesen Tempelhallen, bietet sich dem Betrachter ein buntes Bild: Händler bieten Opfervieh zum Kauf an, Geldwechsler erbieten sich, das "unreine" Geld der Pilger in "reines" Geld umzutauschen, Imbissstände wechseln mit Souvenierständen. Es herrscht ständiger Lärm.
Joshua steigt etwa in der Mitte des Portikus die zwei flachen Stufen hoch und blickt über das bunte Gewimmel auf dem südlichen Vorhof der Heiden. Dann lässt er seine Stimme laut erschallen:

J: Schalom, jüdische Brüder und Schwestern, Schalom, ihr Kinder des Hauses Israel, Schalom ihr Söhne und Töchter Gottes, unseres Herrn, Schalom ihr Gäste aus dem Ausland, die ihr mit uns das Pessachfest feiern wollt. - Seid ihr schon in die Kuhscheiße getreten? Habt ihr schon die Luft angehalten, weil es bestialisch nach Schafskacke gestunken hat? Seid ihr schon im Mist der vielen Opfertiere gewatet? Hat euch schon eine Taube auf die Hand geschissen? - Wo seid ihr? In einem Kuhstall, einer Schafkoppel oder in einem Taubenschlag? Mitnichten! Ihr seid im Vorhof des Gotteshauses, hier wohnt unser Herr! (Allgemeines Gelächter, allgemeine Heiterkeit, Beifall, Zustimmungsbekundungen)
Dabei kann man der Tempelobrigkeit keinen Vorwurf machen, sie sorgt für Reinlichkeit: Wer auf den Boden spuckt, wird streng bestraft! (Wieder Gelächter, Heiterkeit)
Und schaut euch die vielen Händler an, wie sie lauthals ihre Waren feilbieten: Nur 20 Shäkel für diese herrliche Kuh schreit der eine, zehn für einen fetten Schafbock brüllt ein anderer, 2 Shäkel für dieses hübsche Taubenpärchen plärrt ein dritter; es wird gefeilscht, betrogen, gestritten wie auf einem Marktplatz. Marktplatz? Eine Räuberhöhle ist das, und kein Gotteshaus! Das Lärmen erstickt jeden klaren Gedanken, jedes Besinnen auf Gott, jede Zwiesprache mit ihm wird in seinem Haus unmöglich gemacht.
Dabei steht in der Schrift: Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, in dem ich bin, um die Freundlichkeit des Herrn zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel. Der Herr wohnt in seinem heiligen Tempel, alle Welt schweige in seiner Gegenwart.
Wo, bitteschön, kann man hier nachsinnen, wo ist die Stille im Angesicht des Heiligen??

Allgemeine Zustimmungsbekundungen wie Bravo!, Jawohl!, Endlich sagt es mal einer! und so fort. Joschua hat inzwischen Hand an den Tisch eines Geldwechslers gelegt und wirft ihn um; der Geldwechsler schreit und klaubt auf dem Boden seine Münzen zusammen, Joshua öffnet die Türen der Taubenkäfige und lässt die Tauben frei, er bindet Opfertiere los und jagt sie mit einem Klaps auf den Hintern aus dem nächsten Tempeltor hinaus, die Händler laufen schreiend und gestikulierend hinterher. Dabei schreit Joshua Sätze wie: Verschwindet aus dem Haus unseres Herrn! Schert euch fort mit euren Tieren! Hört auf, unseren Tempel in einen Viehstall zu verwandeln! Hier ist kein Marktplatz!

2. Szene:

Joshua geht diesmal auf die Ostmauer des Tempelvorhofs der Frauen zu und postiert sich dort.

J: Schalom, jüdische Brüder und Schwestern, Schalom, ihr Kinder des Hauses Israel, Schalom ihr Söhne und Töchter Gottes, unseres Herrn, Schalom ihr Gäste aus dem Ausland, die ihr mit uns das Pessachfest feiern wollt. - Ihr seid hier im Haus unseres Herrn, hier in Jerusalem, hier auf den Tempelberg seid ihr ihm ganz nahe und deshalb habt ihr lange Wege auf euch genommen und seid hierher gepilgert, um Gott zu danken, dass er unsere Vorfahren aus der Knechtschaft geführt hat. Hier gebührt euch ein Ort der Sammlung, der Ruhe, um Zwiesprache mit unserem Herrn halten zu können...

Inzwischen wird Joshua wieder von vielen Pilgern umstanden, die bei seinen letzten Worten in lautes Gelächter ausgebrochen sind.

Schnitt.

Größere Dienststube der Tempelwache. Dort sind die Hohenpriester, die Ältesten und prominente Schriftgelehrte versammelt. Die Tür zum Vorhof der Heiden wird aufgerissen und der junge Tempelwächter vom Vortag stürmt herein.

JM: Er ist wieder da und wiegelt die Leute auf.

Hoherpriester: Wo? Wo ist er?

JM: Er steht außen an der Ostseite des Vorhofs der Frauen, rechts vom Tor.

Alle eilen aus der Tür und hasten zu der besagten Stelle. Die Menschenmenge dort ist inzwischen beträchtlich angewachsen; die Obrigkeit zwängt sich durch nach vorn zu Joshua. Der Hohepriester schnauzt ihn laut und mit scharfer Stimme an:

HP: Wer bist du? Was erlaubst du dir hier? Wer hat dir die Vollmacht gegeben, das zu tun, was du gestern hier abgezogen hast?

J: Ah, ich begrüße die Herren von der Obrigkeit! Natürlich habt ihr ein Recht darauf zu erfahren, warum ich gestern den Tempel des Herrn von Unrat gesäubert habe. - Zuvor will ich euch aber eine Gegenfrage stellen. Antwortet ihr mir, dann werde ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich das tue: Stammte die Taufe des Johannes vom Himmel oder von den Menschen? (Pause, in der sich die Notablen verblüfft ansehen. Aus der Menge kommen Rufe wie: Recht so! Antwortet! oder Jawohl, gib's ihnen!) Antwortet mir!

Die Notablen stecken die Köpfe zusammen. Dabei bereden sie sich leise:

HP: Verfluchter Hund! Ein Nazoräer! Er will uns eine Falle stellen: Wenn wir antworten: Vom Himmel, so wird er sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? Antworten wir aber: Von den Menschen, so kann es sein, dass uns die Leute hier verprügeln, denn ihr wisst ja, dass die fast alle der Meinung sind, Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen. (Pause. Laut zu J.:) Wir wissen es nicht.

J. (laut): Dann sage ich euch auch nicht, in welcher Vollmacht ich das tue.

Allgemeine Heiterkeit. Rufe: Bravo! So ist's Recht. Einmal muss man denen doch auf die Fußspitzen treten.

Die Notablen ziehen sich an den Rand der Menschenmenge zurück und stehen während der Zeit, in der Joshua weiterredet, zunächst unschlüssig dabei.

J. (an die Pilger): Als ihr euch auf eure Pilgerfahrt vorbereitet habt: Habt ihr da an Gott, euren Herrn, gedacht? Erfüllte euch die Freude über das stille Gebet in seinem Hause? (Pause.) Ich will euch sagen, woran ihr denken musstet: Habe ich genug Geld dabei für den Kauf des Opfertieres? Habe ich genug Geld dabei für den Schnitt der Geldwechsler? Habe ich genug Geld dabei, um die Priester zu bezahlen? Habe ich genug Geld dabei, um mein Scherflein in den Opferstock zu werfen? - Geld, Geld, um Geld drehen sich notgedrungen all eure Gedanken im Hause des Herrn. (Lebhafte Zustimmung aus der Zuhörerschaft.)
Es ist überhaupt nicht verwunderlich, dass sie leugnen, dass die Propheten das Wort Gottes verkündet haben. Das sind nichts als Schriften, sagen sie, aber nicht das Wort Gottes. Und warum? Weil es ihnen nicht passt, was der Herr durch seine Propheten verkündet. So heißt es bei Jeremia (6,20): Was soll mir der Weihrauch aus Saba und das gute Gewürzrohr aus fernem Land? Eure Brandopfer gefallen mir nicht, eure Schlachtopfer sind mir nicht angenehm. Und Jesaja verkündet den Willen unseres Herrn (Jesaja 1,11 ff.): Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern? Die Brandopfer von Widdern und das Fett von Mastkälbern habe ich satt und am Blut der Stiere, Lämmer und Böcke habe ich kein Gefallen. Wenn ihr kommt, um vor meinem Angesicht zu erscheinen -, wer hat von euch verlangt, dass ihr meine Vorhöfe zertrampelt? Bringt mir nicht länger nutzlose Gaben, Räucheropfer, die mir ein Gräuel sind! (...) Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch. Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. Wascht euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen! - So spricht der Herr durch den Mund seiner Propheten. Aber diesen Leuten ((er deutet auf die Gruppe der Obrigkeit am Rand der Menschenmenge) passt das nicht, denn sie werden reich durch die vielen Opfer, die sie von euch verlangen, sie bereichern sich an eurem Geld und werden dabei wohlhabend und fett. (Zustimmende Zurufe aus der Menge.) Sie haben sich den Tempel des Herrn unter den Nagel gerissen, er ist die Quelle ihres Reichtums geworden, sie haben das Haus des Herrn gestohlen und führen sich hier auf, als gehöre dieser Tempel ihnen und nicht Gott.
Die Schriftgelehrten und die Pharisäer, die hier mit erhobener Nase herumstolzieren und sich für etwas Besseres halten, haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht. Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen. Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen. Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. (...) Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Recht, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt die Mücke aus und verschluckt das Kamel. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von Raffsucht und Gier. Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie getünchte Gräber, die von außen schön aussehen, innen aber voll sind von Knochen der Toten und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Blut der Propheten schuldig geworden. Damit bestätigt ihr selbst, dass ihr die Söhne der Prophetenmörder seid. Macht nur das Maß eurer Väter voll! Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr im Strafgericht unseres Herrn der Hölle entrinnen? (Tosende Zustimmung der Menge.)

Während dieser Rede Joshuas hat sich die Gruppe der Obrigkeit etwas von der Menge abgesondert.

HP: Wir müssen diesen nazoräischen Hetzer und Aufrührer zum Schweigen bringen, je schneller desto besser.

Rat: Aber was sollen wir tun, die Menge schützt ihn, und wenn wir ihn verhaften wollten, müssten wir um unser Leben fürchten.

Pause.

HP: Ich schlage Folgendes vor: Die Leute von der Tempelwache schwärmen jetzt alle aus und fragen Pilger, ob sie diesen Typen kennen, denn wenn wir ihm den Prozess machen wollen, brauchen wir Zeugen.

Anderer Rat: Und wenn sie welche gefunden haben?

HP: Dann bitten sie diese zur Pforte des Gerichtssaals hier auf der linken Seite, dort mögen sie warten, bis wir sie befragen können. - Sagen wir, wir lassen der Tempelwache Zeit bis zum Ende der fünften Stunde?! (Zustimmung durch Nicken und Gemurmel.) Gut, dann soll sie an die Arbeit gehen! (Hauptmann der Tempelwache nickt; die Notablen ziehen sich - bis auf den Hohenpriester - zum Gerichtssaal zurück.) - Hauptmann, stellt unbedingt ein paar Leute der Tempelwache ab, um diesen Kerl zu beschatten. Findet heraus, wo er wohnt und mit wem er zusammen ist und wo wir seiner habhaft werden können. - Wenn ihr etwas herausgefunden habt, dann kommt sofort zu mir, wir dürfen keine Zeit verlieren.

Hauptmann: Wird gemacht. Schalom! (Geht ab.)

HP: Schalom![1]

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1. Aus: Martin, Wolfgang: Die seltsamen Begebenheiten im Leben des Joshua Ben Miriam. Eschatologisches Drama in drei Akten (Drehbuch). Berlin: Selbstverlag, 20232, 23. und 26. Szene

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