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Erörterung der Betäubungsthese
Die Behauptung, Jesus sei - nachdem er ca. 39 Stunden tot in einem Grab lag - wieder lebendig
geworden, also "von den Toten auferstanden", ist schon bei den jüdischen Zeitgenossen der Ur- und Frühchristen auf große Skepsis und
Ablehnung gestoßen. Dagegen wurde vermutet, die Jünger Jesu hätten dessen Leiche heimlich aus der Grabkammer gestohlen, Jesus sei nur
scheintot gewesen, Jesus sei am Kreuz betäubt worden, Jesus hätte gar nicht wirklich existiert... Die Vermutung, Jesus seien Drogen verabreicht worden, findet sich beispielsweise bei Karl Friedrich Bahrdt (1740-1792) in seiner romanhaften Darstellung des Lebens Jesu. Bahrdt ging davon aus, dass Jesus vor seiner Verhaftung und Kreuzigung unter Drogen gesetzt wurde[1], und der Verdacht, dass Jesus - nach der Darstellung des Markusevangeliums (Mk 15,36/7) - am Kreuz mittels eines präparierten Schwammes ein Narkotikum verabreicht worden war (Mk 15,36), wurde bis heute immer wieder geäußert. So unternahm es zum Beispiel der britische Jurist, Anwalt und Tiermediziner Charles A. Foster 2006 in seinem Buch "Die Akte Jesus. Ein Jurist ermittelt in Sachen Auferstehung", die im Neuen Testament postulierte Auferstehung Jesu mit Methoden der Jurisprudenz zu analysieren. Dabei sammelte Foster möglichst unvoreingenommen alle denkbaren Erklärungen für dieses neutestamentliche Postulat (Jesus sei auferstanden) und diskutiert aus dem Blickwinkel eines Anwalts, wie wahrscheinlich die jeweiligen Erklärungen sind. Darunter erörtert er auch die Möglichkeit einer Betäubung Jesu am Kreuz: "Was hat dieser mysteriöse 'Essig', den man dem Mann zu trinken gibt [Mk 15,36], [...], überhaupt zu bedeuten? Argwöhnische Geister vermuten vielleicht, dass es einen Zusammenhang zwischen dem scheinbaren Tod Jesu und der ihm unmittelbar zuvor verabreichten Substanz geben könnte. [...] Im östlichen Mittelmeerraum war Opium bereits seit der Antike bekannt. [...] Opium kann oral verabreicht werden, wie es auch noch heute mit Opiaten in der modernen Medizin geschieht. Es ist ein starkes, schnell wirkendes Hypnotikum und Analgetikum. Es senkt die Atemfrequenz, was man wohl zu schätzen wüsste, wenn man seinen Tod vortäuschen müsste. Und seine Halbwertszeit ist relativ kurz, d. h., es wird schnell abgebaut. [...] Vielleicht hatte die Eile, Jesus zum Grab zu schaffen, zum Teil eher etwas mit einer pharmakokinetisch begründeten Besorgnis zu tun, er könnte vorzeitig erwachen, als mit einer frommen jüdischen Furcht davor, die Sabbatruhe zu stören."[2] "Wer auch immer dafür verantwortlich war, Jesus beim Überleben geholfen zu haben, wird daran interessiert gewesen sein, ihn so schnell wie möglich von der Bildfläche verschwinden zu lassen."[3] Selbst die Kirche sah hier ein Problem, das einer Erklärung bedürfe. Worin besteht das Problem? Ganz einfach darin, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass einer, der gerade einmal sechs (halachische) Stunden am Kreuz hing, deswegen stirbt. Das kam schon Pilatus merkwürdig vor (Mk 15,44) und auch die Kirche sah hier Handlungsbedarf: Dass Jesus schon nach sechs Stunden am Kreuz starb, wird dann umso wahrscheinlicher, je geschwächter er bereits war, als die Kreuzigung begann. Also lässt die Kirche Jesus vom römischen Hinrichtungskommando dermaßen fertig machen, dass er noch nicht einmal mehr den Kreuzigungsbalken zur Hinrichtungsstätte tragen konnte. Dann waren die sechs Stunden am Kreuz einfach nur der Tropfen, der noch zum Tod von Jesus fehlte. Klingt nun plausibel, deckt sich aber leider nicht mit der Darstellung bei Markus. Man muss hier wirklich die römischen Soldaten vor der üblen Nachrede der Kirche in Schutz nehmen; sie waren bei Jesus nicht die entmenschten Sadisten, die mit ihrer Geißelung erst dann ruhten, als Jesus völlig zerfleischt und schon halbtot am Boden lag. Nach Markus war dieser Jesus für sie kein gefährlicher Verbrecher oder sonst irgendwie hassenswert - dieser Jesus war für sie einfach ein armer Irrer, mit dem sie dann auch ihren Spaß hatten. Markus berichtet nicht über sadistische Geißelungen und riesige Nägel, die die Soldaten Jesus angeblich ins Fleisch getrieben hätten - was er berichtet, ist der "Joke", den sich die Soldaten mit Jesus machten. Sie waren Jesus in keiner Weise böse oder hatten persönlich etwas gegen ihn und deswegen spielen sie eher gut gelaunt mit diesem schrägen Vogel (Mk 15,17-19): "Dann legten sie ihm [Jesus] einen Purpurmantel um und flochten einen Dornenkranz; den setzten sie ihm auf [= Krone!] und grüßten ihn: Heil dir, König der Juden!" Ja, sie "knieten vor ihm nieder und huldigten ihm." Was haben sie gelacht! So haben sie sich schon lange nicht mehr amüsiert. Dass sie zugleich auch grobes Soldatenvolk waren, zeigt, dass sie ihm mit einem Stock auf den Kopf schlugen und ihn anspuckten. Es ist zu vermuten, dass selbst die Dornenkrone nicht der Dornen wegen (und damit der Schmerzen wegen, die sie zufügen konnten) gewählt wurde; Soldaten flochten aus herumliegendem Buschwerk einen Reif, und die Büsche in dieser Weltgegend tragen nun einmal häufig Dornen. Und dass Jesus den Kreuzigungsbalken nicht tragen konnte, lag schlicht und einfach daran, dass Jesus Angst hatte, Todesangst. Die zeigte sich bereits im Garten Getsemani (Mk 14,33/4) und diese Todesangst hatte er wieder, als sich der Kreuzigungszug in Bewegung setzte; Jesus hat vor Angst dermaßen gezittert, dass es ihm unmöglich war, den Balken auch nur zu halten. Dieses Angstzittern, die Mediziner nennen es Tremor, ist eine völlig natürliche körperliche Erscheinung bei extremer Angst. Was also sollte das römische Exekutionskommando tun? Sie verpflichten einen, der gerade vorbeikommt, für Jesus den Balken zu tragen (Mk 15,21). Jesus wird sicherlich am Kreuz eine Zeit lang gebraucht haben, um dieses Angstzittern in den Griff zu bekommen. So lässt sich also sagen, dass die kirchliche Darstellung, Jesus sei schon halbtot gewesen, als man ihn ans Kreuz hängte, unzutreffend ist. Damit ist das Problem wieder da, dass Jesus bereits nach sechs Stunden am Kreuz gestorben sein soll, und damit rückt auch wieder seine Betäubung mit einem präparierten Schwamm in den Bereich des Möglichen, wenn nicht gar des Wahrscheinlichen. Geht man von dieser Annahme aus, ergibt sich zwangsläufig das nächste Problem: Wer waren denn diejenigen, die Jesus den präparierten Schwamm gereicht haben (Mk 15,36)? Essener? Jünger Jesu? Prüfte man diese Anwärter näher, so erwiese es sich nicht nur als wenig wahrscheinlich, sondern man verstrickte sich auch in Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. Jesus war kein Essener und die Essener hatten ein Messiasbild - nachlesbar in den Qumran-Schriften -, das so gar nicht mit einem Jesus vereinbar war. Welches Motiv sollten sie also gehabt haben, Jesus mit solch einer gewagten Aktion zu retten? - Die Jünger Jesu sind schon bei der Verhaftung Jesu davongelaufen und da sollten sie plötzlich den Mut gehabt haben, unter den Augen des römischen Hinrichtungskommandos ein solches Husarenstückchen zu wagen (dazu noch ohne die Geldmittel, um die römischen Soldaten nicht so genau hinsehen zu lassen)? Während der ganzen Zeit der Leben-Jesu-Forschung lief man also bei der Suche nach den Hintermännern ins Leere und so blieb auch die Vermutung, Jesus sei mittels eines präparierten Schwammes betäubt worden, im Bereich der wenig wahrscheinlichen Spekulationen. Das änderte sich erst mit Hartmut Stegemanns Buch "Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus". Jesus wird im Neuen Testament öfter als Nazoräer bezeichnet. Hartmut Stegemann wies nun in seinem Buch darauf hin, dass diese Bezeichnung gar nicht Jesu vermeintliche Herkunft aus Nazaret meint, sondern seine Zugehörigkeit zum Jüngerkreis um Johannes den Täufer: "Wegen dieser Bedeutsamkeit seiner Taufe [Gewähr der Sündenvergebung durch Gott im Endgericht] haben zeitgenössische Juden den Johannes und seine Anhänger etwas spöttisch 'die Bewahrer' [die dich davor bewahren, im Endgericht von Gott verworfen zu werden] genannt, aramäisch n a z r é n oder - mit Artikel - n a z r á j j a, in griechischer Wiedergabe n a z a r e n o í bzw. n a z o r a i o i. Zur besseren Unterscheidung von vielen Gleichnamigen wurde deshalb Jesus 'der Nazarener' [...] bzw. der 'Nazoräer' [...] genannt, was ursprünglich gar nicht seine Herkunft 'aus Nazaret' meinte [...], sondern seine Herkunft aus dem Täuferkreis oder seine Zugehörigkeit zu diesem."[4] Damit war klar: Jesus war dem Jüngerkreis um Johannes den Täufer zuzuordnen; Jesus hat sich also nicht nur von Johannes taufen lassen, sondern er hat diesem in Betanien, dem Wirkungsort von Johannes dem Täufer, zusammen mit anderen Jüngern assistierend zur Seite gestanden; es bestand somit ein Schüler-Meister-Verhältnis zwischen Jesus und Johannes. Damit war die Gruppe gefunden, die wohl den "Tod" und die "Auferstehung" Jesu bewerkstelligt hat, und Sie, geehrte Leserin und geehrter Leser, werden sich nun vielleicht fragen, wieso Sie davon noch nichts gehört haben; die Antwort darauf ist, dass auch für nahezu alle Theologen die Morgenstern'sche Erkenntnis gilt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. __________ 1. Schweitzer, Albert: Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Tübingen: Mohr (Paul Siebeck), 1906/1984, S. 83 2. Foster, Charles: Die Akte Jesus. Ein Jurist ermittelt in Sachen Auferstehung. München: Pattloch, 2008, S. 73 3. Ebenda, S. 77/8 4. Stegemann, Hartmut: Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Freiburg, Basel, Wien: Herder Verlag, 1993, S. 303/4 |