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Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn. Als dieser 18 Jahre alt war, rief er ihn vor seinen Thron und sprach: "Mein Sohn, du bist jetzt 18 Jahre alt und bald wirst du der König sein. Darum ist es an der Zeit, dass du heiratest und eine Familie gründest. Deshalb habe ich dir eine liebe, gute Prinzessin ausgewählt, die ich als Braut an deine Seite geben möchte."
Als sich der Prinz und die Prinzessin zum ersten Mal trafen, war der Prinz beeindruckt von der Schönheit und Anmut seiner Braut, und sie blickte ihm liebevoll in die Augen. "In der Tat", dachte sich der Prinz, "mein Vater hat Geschmack, das wäre just die Frau, mit welcher ich durchs Leben gehen könnte."
Und so heirateten sie und bald gebar seine Frau einen Sohn. Doch es dauerte nicht lange, da wurde der Prinz immer schweigsamer und grüblerischer, und seine Frau blickte ihm voller Sorge in die Augen und suchte die Ursache seiner Schwermut zu ergründen, und endlich sprach der Prinz zu ihr: "Du, mein Edelstein, mein Reh, meine Rose, wie schön du bist und wie glücklich kann ich mich schätzen, dich als Gemahlin und Mutter meines Sohnes an meiner Seite zu haben. Aber mich quält die Ungewissheit, ob das der Sinn des Lebens ist oder ob ich nicht vielleicht am eigentlichen Sinn des Lebens vorbeigehe, diesen verfehle und am Ende ein falsches Leben gelebt habe." "O weh", dachte sich die Prinzessin, "jetzt hat ihn die Krankheit des Philosophierens befallen und ich sehe gar nicht ab, wie man ihn davon heilen könnte."
Aber es kam noch schlimmer; er sprach: "Ich möchte hinausziehen in die Welt und nach dem Sinn des Lebens suchen. Was kenne ich schon von der Welt; die Zahl der Menschen, denen ich bisher begegnet bin und mit denen ich gesprochen habe, ist verschwindend gering. Vielleicht gibt es unter all den vielen Menschen da draußen in der Welt doch wenigstens einen, der mir sagen kann, was der Sinn des Lebens ist. Deshalb möchte ich in die Welt ziehen und sehen, ob ich nicht den Sinn des Lebens finde. Habe ich ihn gefunden, kehre ich zu meiner geliebten Rose und meinem Sohn zurück, um mein Wissen mit ihnen zu teilen."
"Mein geliebter Gemahl", erwiderte seine kluge Frau, "wenn du sicher bist, dass du das tun musst, dann tue es, denn wenn du es nicht tust, so werde ich immer einen unglücklichen Mann an meiner Seite haben, und wie sollten ich und dein Sohn glücklich leben können, wenn wir dich unglücklich wissen. Ziehe denn hinaus in die Welt und tue, was du tun musst, und wenn du am Ende den Sinn des Leben gefunden hast, kehre zurück, zurück in die liebevollen Arme deiner Frau und sprich ihr vom Sinn des Lebens." Also segelte der Prinz los und gelangte bald zur ersten Insel.
Dort sah er eine Vielzahl von Menschen, die geschäftig mit irgendwelchen Gegenständen umeinander eilten. Sie trugen Lampen, Skistiefel, Fernseher, Computer, Kleidungsstücke, Tüten, Beutel oder Schachteln. Viele zogen oder schoben Handkarren und Schubkarren herum, auf denen alles mögliche Gerümpel aufgestapelt war, wie Bilder, Blumenkübel, Matratzen, Kleinmöbel, Autoersatzteile, Flitterkram, Puppen oder Kuscheltiere. Andere wieder schleppten mühsam ähnlichen Plunder in riesigen Ballen auf dem Rücken herum. Mehrmals beobachtete der Prinz, dass einer seinen Karren, den er mühsam in die eine Richtung gezogen hatte, nach kurzer Zeit schon wieder in die entgegengesetzte Richtung zerrte, um wenig später abermals eine neue Richtung einzuschlagen. Alle waren fieberhaft tätig.*
Einen Vorbeihastenden fragte der Prinz nach dem Sinn ihres Treibens, aber von diesem schnappte er nur die Worte "Keine Zeit!" auf, welche dieser atemlos hervorstieß. Endlich aber gelang es dem Prinzen doch, mit einem ins Gespräch zu kommen, wenn dieser auch dabei ständig mit gehetztem Gesichtsausdruck umherblickte.
"Was wir hier tun? Na, das sieht man doch: Wir versorgen uns mit notwendigen Gütern."
"Sind das alles Dinge, welche ihr braucht?"
"Aber ja doch, würden wir sonst versuchen, diese zu erwerben?"
"Wo kommen all diese Güter her?"
"Diese produzieren wir während unserer Arbeitszeit in Fabriken."
"Und was macht ihr in eurer Freizeit?"
"Na, da gehen wir in die Geschäfte, um all die produzierten Dinge zu kaufen."
Eine Weile schwieg der Prinz und blickte sinnend vor sich hin. Endlich fragte er: "Sag, ist das, was ihr tut, der Sinn des Lebens?"
"Aber ja doch, darin besteht der Lebenssinn: Produzieren - konsumieren, konsumieren - produzieren - dein Leben lang. Aber jetzt muss ich los einkaufen, ich habe schon viel zu viel Zeit vergeudet. Also, überlege nicht lange und schließe dich uns an, du wirst glücklich sein."
Und damit verschwand sein Gesprächspartner im Gewühl.
Ob ihn ein solches Leben glücklich machen würde - daran zweifelte der Prinz aber sehr und so segelte er weiter zur nächsten Insel.
Auf der nächsten Insel gab es hohe, schneebedeckte Berge mit schroffen, steilen Felswänden, haushohe Wellen brachen sich an langen Sandstränden und dem Prinzen deuchte diese Insel landschaftlich sehr reizvoll zu sein, doch als er sie erkundete, entdeckte er merkwürdige, ja, grausige Dinge: An senkrechten Felswänden hingen viele Leichen an Kletterseilen; das Gipfelplateau des höchsten Berges der Insel war übersät mit unzähligen Toten und überall fanden sich an den Stränden mit den höchsten Wellen neben vielen Bruchstücken von geborstenen Surfbrettern verwesende Leichname und Skelette. Des ungeachtet sah er unzählige Surfer wellenreitend in der Brandungszone der Insel, Hunderte versuchten mit und ohne Seil senkrechte Felswände emporzuklimmen sowie die eisigen Berggipfel zu ersteigen.
Endlich entdeckte er einen alten Mann, der auf der Sonnenterrasse eines Berggasthofes seinen Kaffee genoss und dabei gelegentlich mit einem Fernglas aufmerksam die senkrechte Felswand eines ungeheueren Bergmassives in Augenschein nahm.
"Gestatten Sie, dass ich Ihnen Gesellschaft leiste?", fragte ihn der Prinz.
"Aber natürlich, setzen Sie sich und genießen Sie mit mir das herrliche Bergpanorama", lud ihn der Alte ein.
Nachdem auch der Prinz eine Tasse Kaffee vor sich stehen hatte, schilderte er dem Alten seine befremdlichen Beobachtungen und fragte ihn, ob er ihm diese erklären könne.
"Naja, da ist eigentlich nicht viel zu erklären: Viele unserer Insulaner versuchen berühmte Surfer zu werden und trainieren deshalb fast jede freie Minute, andere wiederum wollen berühmte Kletterer werden und wieder andere haben den Ehrgeiz, den höchsten Gipfel der Insel bestiegen zu haben. Das ist aber längst noch nicht alles: Es gibt welche, deren Ehrgeiz es ist, von unglaublich hohen Klippen kopfüber ins Meer zu springen, oder mit einem PS-starken Rennwagen der schnellste Fahrer der Insel zu werden oder sich mindestens fünfzehn Sekunden lang auf dem Rücken des wildesten Stieres unserer Insel zu halten..."
"Aber weshalb", unterbrach ihn der Prinz, "weshalb tut ihr das? Das ist doch lebensgefährlich und nicht wenige, wie man sehen kann, verlieren dabei tatsächlich ihr Leben."
"Das Leben - was wäre es schon ohne den Reiz des Gefährlichen, ohne Risiko, ohne Wagnis? Die Suppe an sich ist fade, nur mit Gewürzen schmeckt sie gut. Welchen Sinn hätte es, ein Leben zu leben, wo es nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren gibt, das siebzig, achtzig Jahre gleichförmig dahinplätschert, ohne den Kitzel der Gefahr, ohne Höhepunkte, ohne Glanzlichter? Nein, der Sinn des Lebens ist, es aufs Spiel zu setzen, alles zu wagen, um in das Guinnessbuch der Rekorde zu kommen, um sich im Ruhm seiner Leistung sonnen zu können. Komm, bleibe bei uns und probiere es auch einmal!"
Doch der Prinz dachte an seine geliebte Prinzessin und seinen kleinen Sohn zu Hause und so segelte er weiter zur nächsten Insel.
Schon bei der Annäherung machte die nächste Insel einen merkwürdigen Eindruck auf den Prinzen: Gewaltige Bauwerke ragten in den Himmel: Mächtige Dome, Moscheen mit vielen zierlichen Minaretten, gewaltige Tempel und riesige Stufenpyramiden prägten die Silhouette. Die Menschen dort hatten heilige Tage, an denen sie ihre Gotteshäuser besuchten, dort beteten, Opfer brachten und den Predigten ihrer Priester lauschten. Es dauerte eine Weile, ehe der Prinz mit einem der Kirchgänger vertrauter wurde. Auf die Frage, was sie, die vielen Gläubigen, für den Sinn des Lebens hielten, bekam er sinngemäß folgende Auskunft: Es gebe einen Gott und dieser verlange von den Menschen Verehrung und Achtung seiner Gebote. Hätten die Menschen so ein gottgefälliges Leben geführt, kämen sie nach dem Tod in ein himmlisches Paradies, wo sie in Ewigkeit mit ihrem Gott glücklich zusammenlebten. Für jene, die Gottes Gebote nicht befolgten, gebe es eine Hölle, in welcher sie in Ewigkeit von Teufeln mit unvorstellbaren Qualen für ihr gottloses Leben bestraft würden.
"Woher wisst ihr denn all dies?", wollte der Prinz wissen.
"Das steht in unserem heiligen Buch", antwortete der Kirchgänger.
"Hat das Gott geschrieben?", wollte der Prinz wissen.
"Ja und nein", erwiderte der Kirchgänger. "Natürlich wurde das Buch von Menschen geschrieben, aber das, was sie geschrieben haben, hat ihnen Gott eingegeben und deshalb ist das, was in dem Buch steht, das Wort Gottes und damit heilig."
"Glauben das denn alle Inselbewohner?", wollte der Prinz wissen.
Sein Gegenüber druckste zunächst verlegen herum, bevor er eingestand, dass es viele unterschiedliche Glaubensgemeinschaften auf der Insel gab, und viele davon hätten ein solches Buch, so zum Beispiel die Thora, die Bibel, den Koran, den Pali-Kanon, die Veden, den Guru Granth Sahib oder das Buch Mormon.
"Und steht in all diesen Büchern das Wort Gottes?"
"Nein, natürlich nicht", antwortete der Kirchgänger, nur in unserem heiligen Buch steht das Wort Gottes und nur unser Gott ist der wahre Gott und nur wir sind seine wahre Gemeinde. Alle anderen sind Ungläubige und somit der Hölle verfallen."
Als der Prinz seinen Gesprächspartner fragte, ob jemand auf der Insel diesen Gott schon einmal gesehen habe, stand der Kirchgänger abrupt auf, zischte, er solle sich mit solchen Fragen ja nicht von den Religionswächtern erwischen lassen, diese machten mit Ketzern jeder Art kurzen Prozess. Ohne Gruß wandte sich der Kirchgänger schroff von dem Prinzen ab und strebte seinem Gotteshaus zu.
Da schien es dem Prinzen angeraten, diese Insel so schnell wie möglich zu verlassen und zur nächsten Insel zu segeln.
Die Küste der nächsten Insel machte einen trostlosen Eindruck: Sie war übersät mit Kratern, zwischen denen kümmerliche Sträucher und Büsche wucherten; doch ihre Blätter wirkten welk und krank. Gerade als er sein Boot auf den Strand geschoben hatte, sprangen aus einem dieser Krater zwei Soldaten mit Sturmgewehren auf ihn zu und rissen ihn zu Boden.
"Bist du ein Spion der Urkaïnas?", schnauzte ihn der eine Soldat an.
"Nein, nein", beteuerte der Prinz, "ich bin der Prinz von Kapilavastu und bin auf der Suche nach dem Sinn des Lebens."
"Na, dann bist du ja hier genau richtig", sagte der andere Soldat.
"Wieso?", wollte der Prinz wissen, "was tut ihr hier?"
"Wir führen Krieg gegen die Urkaïnas, die widerrechtlich Teile unseres Territoriums besetzt haben und es jetzt für sich beanspruchen. Aber wir sind gerade dabei, es zurückzuerobern. Komm, schließ dich uns an, und solltest du im Kampf fallen, so bist du ein Held unseres geliebten Vaterlandes Russalien - und dafür lohnt es sich allemal zu sterben."
"Und das ist der Sinn des Lebens?", fragte der Prinz zweifelnd.
"Das ist der Sinn des Lebens", antworteten beide Soldaten gleichzeitig und klopften dabei bekräftigend auf ihre Gewehrkolben.
Da zog sich der Prinz höflich, aber bestimmt zu seinem Boot zurück und segelte nach Hause.
Er wurde freudig von seiner Frau und seinem Sohn empfangen, und während sie glücklich bei Tee und Gebäck zusammensaßen, fragte die Prinzessin ihren Gatten: "Nun, mein geliebter Gemahl, hast du den Sinn des Lebens gefunden?"
"Nein, nicht wirklich. Was ich gefunden habe, waren eine Menge Verrückter, von welchen ich hoffe, dass sich nie einer von denen zu uns verirrt."
"Und was hältst du nun für den Sinn des Lebens?"
"Nach all dem, was ich erlebt habe, glaube ich, dass das Leben gar keinen Sinn hat. Man muss ihm schon selbst einen Sinn geben, damit es einen hat."
"Und welchen Sinn willst du deinem Leben geben?"
"Ich will mit dir und unserem Sohn zusammen das Leben leben, und dabei stets versuchen, den Anforderungen, welche das Leben an mich heranträgt, nach bestem Vermögen gerecht zu werden, ohne mich dabei zu überfordern. Ich denke, der Mensch muss frei werden von all seinen Ängsten vor der Zukunft, dem Schicksal, dem Walten übernatürlicher Mächte, von seinen ins Grenzenlose gehenden Sehnsüchten, von allem, was ihn nicht zu dem beglückenden Gefühl des Augenblicks und des Daseins selbst kommen lässt. Habe ich einmal erkannt, dass ich durch Zufall entstanden und in eine Welt ohne Götter und ohne Zwecke hineingeboren bin, dass der Tod nicht zu fürchten ist, denn als Auflösung in Empfindungslosigkeit 'geht er uns nichts an' - so werde ich erst eigentlich frei sein zu meiner wahren Aufgabe: Die Spanne zwischen Geburt und Tod, die allein mir gehört, mit euch zusammen zu einem harmonischen und intensiven Leben zu gestalten. Aus der Erkenntnis der flüchtigen Einmaligkeit unserer Existenz erwächst uns Menschen die Verpflichtung, diese Chance zu nutzen. Es gibt keine Wiederkehr, keine Wiedergeburt, keine Belohnung oder Strafe nach dem Tode, überhaupt keine über dem Menschen stehende Instanz, die ihm hilft oder ihm feindlich entgegenwirkt.** Und deshalb, geliebte Yasodhara und geliebter Rahula, lasst uns in Liebe zusammen unser Leben genießen."
Also sprach der Prinz und drückte seine beiden Schätze ganz fest an sich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
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*Nach: Ende, Michael: "Die unendliche Geschichte", Stuttgart: K. Thienemanns, 1979, S. 363
**Nach: Leipoldt, Johannes, Grundmann, Walter (Hrsg.): Umwelt des Urchristentums. Bd. I: Darstellung des neutestamentlichen Zeitalters. Berlin (Ost): Evangelische Verlagsanstalt GmbH, 1967, 2. Auflage, S. 352/3; dieser Textausschnitt referiert die Lehre Epikurs
© Wolfgang Martin, März 2026
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