03E2:

Jesus - eine Halbwaise?

Das Markusevangelium überliefert uns nicht nur, dass Jesus den Beruf des Zimmermanns ausübte, sondern auch, dass Jesus eine Mutter mit dem Namen Maria hatte und diverse Brüder und Schwestern (Mk 6,1-3): "[...] Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: [...] Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?"
Wenn das Markusevangelium zu dem Vater von Jesus nichts verlauten lässt, kann das daran liegen, dass der Verfasser dessen Vater schlicht nicht kennt. Schließlich bezeichnen die Kafarnaumer Jesus nach seiner Mutter (Mk 6,3: "Ist das nicht [...] der Sohn der Maria [...]?") und nicht, wie zu jener Zeit im Judentum üblich, nach seinem Vater. Dies verweist zwangsläufig nicht nur auf das Fehlen des Vaters, sondern sogar darauf, dass der Vater unbekannt ist, denn selbst wenn er fehlen würde, aber als solcher bekannt wäre, würde man Jesus nach seinem Vater bezeichnet haben.
Natürlich haben die zeitgenössischen Juden, denen die Ur- und Frühchristen Jesus als den erwarteten Messias verkaufen wollten, dieses Manko des Markustextes bemerkt und den missionierenden Christen entgegengehalten: Die Juden gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass der erwartete Messias aus dem Geschlecht des Königs David und damit aus Betlehem stammen müsse. Aber offenbar war Jesus nicht in Betlehem geboren worden und zudem fehlte ihm der Vater, ohne den man ja gar nichts Sicheres darüber sagen konnte, ob dieser Jesus überhaupt aus dem Geschlecht des Königs David stammte. Kurzum: Der Text des Markusevangeliums erwies sich als nahezu untauglich in dem Bestreben, die Juden davon zu überzeugen, dass dieser Jesus der Messias sei. Selbst der Schluss, den andere Frühchristen an das Markusevangelium angehängt hatten (Mk 16,9-20), half da letztlich wenig.
Vermutlich 10 Jahre nach der Niederschrift des Markusevangeliums reicht es dem Matthäus-Evangelisten: Überzeugt von der grundsätzlichen Güte des Markus-Textes verpasst er diesem ein "Update", wie wir heute sagen würden, welches den vielen nur schwierig zu begegnenden Einwendungen der missionierten Juden ein für allemal den Wind aus den Segeln nehmen sollte. Als Apologet der christlichen Anschauungen ging es Matthäus dabei nicht um die historische Wahrheit, sondern unter anderem darum, alle Einwendungen der Juden zu entkräften - eben durchaus auch auf Kosten der historischen Wahrheit.
Da war zunächst das Vaterproblem zu lösen: Bei Markus taucht kein Vater auf. Will Matthäus aber den Juden zeigen, dass Jesus doch aus Betlehem stammt, braucht er einen Stammbaum als Nachweis; aber ohne Vater kein Stammbaum. Also verpasst Matthäus seinem Messias Jesus einen Vater, einen Josef, den er mit Maria, Jesu Mutter, verlobt sein lässt - und dieser Josef ist - man braucht nur in den von Matthäus zusammengeschusterten Stammbaum zu blicken - natürlich ein Nachfahre des Königs David.
Geschickt passt nun Matthäus den Markus-Text diesem neuen Sachverhalt an: Während es bei Markus (6,3) heißt: "Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria [...]?", macht Matthäus (13,55) daraus: "Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria [...]?"
Was Matthäus dummerweise nicht auffällt, ist, dass im damaligen Judentum ein Sohn immer auf seinen Vater bezogen wird; er hätte also schreiben müssen: "Heißt nicht sein Vater Josef?" Auch fällt Matthäus nicht auf, dass die Familienabordnung, die Jesus zurück nach Hause holen will (Mk 3,31 und Mt 12,46), von Maria, der Mutter, also einer Frau, angeführt wird, was damals ein völliges Unding gewesen wäre, wenn es einen Vater gegeben hätte; denn es würde sich im damaligen Judentum absolut verbieten, dass die Mutter Jesu, eine Frau (!), auf der Straße Krakeel machen und der Vater, der Mann, dabei zu Hause hocken würde.
Ganz nebenbei entwertet Matthäus seine tolle Genealogie sogleich wieder: 1,16 schreibt er: "Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren [...]", und kurz darauf stellt er die Vaterschaft Josefs bezüglich Jesu wieder in Abrede (Mt 1,18): "Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren [also noch bevor sie Geschlechtsverkehr hatten], zeigte sich, dass sie [Maria] ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes." Also war Josef (den Matthäus ohnehin erfunden hat) gar nicht der Vater von Jesus und also ist die Genealogie des Matthäus wertlos.
Wir können damit zusammenfassend sagen: Der Familie, in welcher Jesus aufwuchs, ermangelte es eines Vaters - aus welchen Gründen auch immer.

weiter zu 04E1a

zurück zur Startseite