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Immer wieder Enttäuschungen: Vom menschlichen Messias zum göttlichen "Menschensohn"

Immer wenn nun nach der Rückkehr der babylonischen Exilanten, der Wiedererrichtung des Tempels und dem Wiederaufbau Jerusalems in der weiteren Geschichte Judäas eine starke, erfolgreiche Führergestalt auftrat, wurde diese mit der Messiasvorstellung verknüpft. Und immer dann, wenn sich unter deren Führung am Ende nicht das ersehnte messianische Reich als Vorstufe für das kommende Reich Gottes, das Paradies, verwirklichte, wenn alles häufig genug in Chaos, Bürgerkrieg und Blutbädern endete[1], konstatierten diejenigen, die sehnlichst den Messias erwartet hatten, dass es dieser wohl nicht gewesen sei. Nach diesen fortlaufenden Enttäuschungen setzte sich in den eschatologischen Kreisen Judäas allmählich der Gedanke fest, wenn sterbliche Hoffnungsträger durchweg enttäuschten, dann müsse eben der Messias als unsterbliches, göttliches Wesen vom Himmel kommen. Früchte dieser Sichtweise waren vor allem zwei Bücher: einmal das Buch Henoch und zum zweiten das Buch Daniel, beide etwa um 160 v. Chr. entstanden, wobei die Endredaktion des Henoch-Buches im letzten vorchristlichen Jahrhundert von den Essenern vorgenommen wurde.
Mit diesen beiden Büchern steht die jüdische Religion nun am Scheideweg, hier beginnt die eschatologische jüdische Theologie den bisherigen Monotheismus aufzugeben. Schauen wir uns das genauer an.
Den Gedanken eines zweiten göttlichen Wesens im Himmel, gleichberechtigt neben dem bisherigen Gott, finden wir explizit zum einen im Henoch-Buch[2]. Dort heißt es unter anderem:

46. Kapitel
1
Ich sah dort den, der ein Greisenhaupt besitzt,
und sein Haupt war weiß wie Wolle,
und bei ihm war ein anderer,
dessen Antlitz das eines Menschen war,
und sein Angesicht war voll Anmut,
ähnlich dem eines heiligen Engels.
2
Ich fragte den Engel,
der mit mir ging und mir alle Geheimnisse zeigte,
über jenen Menschensohn, wer er sei,
woher er stamme
und weshalb er mit dem Greisenhaupte gehe.
3
Er gab mir zur Antwort:
Dies ist der Menschensohn, der die Gerechtigkeit besitzt,
bei dem die Gerechtigkeit wohnt
und der alle Schätze dessen, was verborgen ist, offenbart;
denn der Herr der Geister hat ihn auserwählt
und sein Los übertrifft durch Rechtschaffenheit
in Ewigkeit alles vor dem Herrn der Geister.

48. Kapitel
2
Und in jener Stunde ward der Menschensohn vor dem Herrn der Geister genannt
und sein Name vor dem Betagten.
3
Bevor die Sonne und die Zeichen geschaffen
und bevor des Himmels Sterne gemacht wurden,
ward sein Name vor dem Herrn der Geister genannt.
6
Zu diesem Zwecke ward er auserwählt
und vor Ihm verborgen,
bevor die Welt geschaffen wurde,
und er wird in Ewigkeit sein.

62. Kapitel
7
Denn von Anbeginn war der Menschensohn verborgen
und der Höchste bewahrte ihn in Gegenwart seiner Macht auf und offenbarte ihn den Auserwählten.

72. Kapitel
10
Bei ihnen war der Betagte;
sein Haupt war weiß und rein wie Wolle
und sein Gewand unbeschreibbar.
12
Diese Lobpreisungen, die aus meinem Munde kamen,
gefielen dem Betagten.

Was ist hier geschehen? Gott ist gealtert! Er ist nun ein "Betagter", ein "Greis" und sein "Haupt" ist "weiß wie Wolle". Gott ist im Rentenalter und es wird offenbar Zeit, die Amtsgeschäfte an seinen (Menschen-) Sohn abzugeben: "Zu diesem Zwecke ward er auserwählt und vor Ihm verborgen, bevor die Welt geschaffen wurde, und er wird in Ewigkeit sein." Halten wir fest: Im jüdischen Himmel des Henoch-Buches residieren also nun zwei Götter, ein alter, betagter, weißhaariger Tattergreis und sein jugendlich-frischer (Menschen-) Sohn.
Das Buch Daniel übernimmt das vom Henoch-Buch. Dort heißt es:

Dan 7,13/14: "Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels / einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten / und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, / Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen / dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, / unvergängliche Herrschaft. / Sein Reich geht niemals unter."

Das Judentum hat diesen zweiten Gott nicht in seinen Glaubenskanon aufgenommen und das Henoch-Buch auch nicht kanonisiert; die Juden blieben ihrem (einzigen) Gott treu.
Nicht so die eschatologische Strömung des damaligen Judentums. Die plötzliche Existenz eines "Gottessohnes" im Himmel erwies sich in der Folge als überaus fruchtbar und es erwuchs daraus eine neue Religion, die Gnosis, die sich neben dem Christentum entwickelte und im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert u. a. durch Leute wie Paulus und den/die Verfasser des Johannes-Evangeliums mit dem sich entwickelnden Christentum zu einer christlichen Gnosis bzw. einem gnostischen Christentum verbunden wurde.[3]

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1. S. auch Clauss, Manfred: Das alte Israel. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. München: C. H. Beck, 20032, S. 105
2. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84thiopisches_Henochbuch (entnommen am 18.3.20)
3. S. dazu Tröger, Karl-Wolfgang: Die Gnosis. Heilslehre und Ketzerglaube. Freiburg, Basel, Wien: Herder Verlag, 2001

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