06E2:

Diskussionen und Dissens unter den Nazoräern nach der Verhaftung des Johannes

Welch ein Schock musste es für Jesus und die anderen Nazoräer gewesen sein, als Johannes verhaftet und eingekerkert wurde. Was nun? War alles nur eine kurzzeitige Illusion gewesen? Waren sie einem Hirngespinst hinterhergerannt? Oder war Johannes tatsächlich der wiedergekehrte Prophet, begann jetzt doch die vierzigjährige Endzeit, der Endkampf, der mit dem Sieg des Messias und seiner Truppen über das Böse und mit der Niederkunft des himmlischen Jerusalems auf die Erde enden würde?
Die verwaisten Nazoräer, wie die Anhänger des Johannes von der Bevölkerung genannt wurden, hatten sicherheitshalber die Jordanseite gewechselt, lebten "in der Wüste" zwischen Jordan und Jericho und diskutierten, wie es nun weitergehen sollte. Viele glaubten, Gott werde jetzt kommen, Elija/Johannes im Triumph aus Herodes Antipas' Kerker befreien und mit dem Messias an seiner Seite die Endzeit eröffnen; auf dieses Kommen Gottes gelte es zu warten. Einige waren mutlos geworden und begannen zu resignieren, andere wollten den Anschluss an die Essener, wieder andere waren einfach nur ratlos. Jesus war von allen der hitzigste, derjenige, der am glühendsten daran glaubte, dass jetzt das Reich Gottes angebrochen sei, dessen Kommen ihr verehrter Meister und Prophet Johannes prophezeit hatte.
Je mehr Zeit seit der Verhaftung des Johannes verstrich, desto verfahrener wurden die Diskussionen, desto ratloser wurde die Schar. Besonders die Überzeugung Jesu, Gott würde erst dann kommen, wenn Jesaja 52,13 - 53,12 erfüllt, wenn ein "Gottesknecht" für die Sünden des auserwählten Volkes gekreuzigt worden sei, sorgte für hitzige Debatten. Während Deuterojesaja seinen Begriff "Gottesknecht" als Personifikation Gesamt-Israels bzw. des nach Babylon verschleppten Teils Israels verstand (s. dazu 04E2f), deutete Jesus den Begriff "Gottesknecht" als aktuelle Forderung seines Gottes Jahwe, eine tatsächliche Person müsse Sühne leisten für die Sünden seines auserwählten Volkes. - Und wenn der Endkampf von einem Messias geleitet werden würde, dann musste dieser jetzt, jetzt kommen, - aber wo war er?
Bei Jesus bildete sich durch diese Diskussionen offenbar die Überzeugung heraus, dass einer, dass er einfach die Initiative ergreifen und sowohl die Bürde der Gottesknechtschaft als auch die Leitung des Endkampfes als Messias auf sich nehmen musste - sonst würde es sich Gott vielleicht doch anders überlegen und aus war's mit dem Paradies; vielleicht fühlte sich Jesus auch dazu von Gott auserwählt. Als Jesus sich den anderen anbietet, halten sie ihn für übergeschnappt: Er wollte sich tatsächlich in Jerusalem (als der "Gottesknecht" des Jesaja) kreuzigen lassen, dies würde das Kommen Gottes auslösen und dieser würde ihn vom Kreuz lösen und als Messias an seine Seite stellen, damit er den Kampf zur Niederringung der Mächte der Finsternis führe und leite? Jesus warb für diese Idee, aber keiner fand sich bereit, mit ihm diese Sache "durchzuziehen" - auch wenn sie Jesus noch so sehr mochten; sie versuchten Jesus diese Idee auszureden, aber Jesus blieb stur bei seiner Meinung.
Endlich verließ Jesus den Jüngerkreis und kehrte nach Kafarnaum zurück - nicht, um wieder in sein altes Leben zurückzukehren, sondern um unter seinen Jugendfreunden und Bekannten Helfer für sein Vorhaben anzuwerben.
Seine nazoräischen Genossen blieben zurück, kamen aber offenbar zu dem Schluss, man müsse Jesus, wenn er denn tatsächlich mit seinem selbstmörderischen Unterfangen ernst mache, irgendwie retten.

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