10E2:

Szene im Grab

Benjamin gibt nun aus den verschiedenen kleinen Gefäßen jeweils etwas Flüssigkeit auf einen kleinen Schwamm; Joel massiert Joshua die Schläfen, Benjamin hält ihm den feuchten Schwamm unter die Nase und spricht halblaut:

Ben: Joshua, Joshua, aufwachen, Pessach ist da; hallo, Joshua...

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Joshua lehnt inzwischen mit dem Rücken gegen die Wand, dazwischen klemmt Joels Mantel. Die drei unterhalten sich, wobei Joshua noch etwas benommen wirkt.

J: Ich glaubte, der Herr würde meine Bitten erhören und mich vom Kreuz steigen lassen... (Pause.) Und jetzt sitze ich hier in einer Grabkammer mit euch zusammen...

Joel: Und lebst, stell dir vor: Du bist gekreuzigt worden und jetzt sitzt du hier und redest mit uns.

J: Ja, das ist wunderbar! Gott hat es anders gefügt, als ich mir das gedacht habe, aber er hat mich vor dem Tod bewahrt - und ihr seid sein Werkzeug, ihr habt mir das Leben gerettet.

Ben: Ja, die Wege unseres Herrn sind unergründlich... (Pause.)

Joel: Ben, du müsstest los...

Benjamin erhebt sich.

Joel: Vergiss nicht, auch die Sachen mitzubringen, die wir brauchen, um Joshua zu verändern.

J: Verändern? Wie wollt ihr mich verändern? Und warum?

Joel: Josh! Da draußen sind die Römer und da draußen sind Leute, die wissen, dass du gekreuzigt worden bist; und nun stell dir mal vor, du läufst denen zufällig über den Weg… kann doch sein, oder? (Joshua nickt.) Was kann passieren? Dass du dann erneut am Kreuz landest - und am Ende wir dazu. (Pause.) Das willst du doch nicht, oder?

J: Nein.

Joel: Siehst du, wir auch nicht, und deshalb müssen wir dich ein wenig verändern. (Pause.)

Joel: So, Ben, mach hinne, du wirst genug zu schleppen haben.

Ben: Vielleicht kann mir Mosat helfen...

Joel: Seid aber vorsichtig.

Joel und Benjamin gehen zum Ausgang und rollen den Rollstein so weit zu, dass nur noch ein Spalt bleibt, durch den sich ein Mensch zwängen kann. Benjamin zwängt sich nach draußen.

Joel: Bring auch noch zwei Öllämpchen mit und vergiss nicht seine Klamotten...

Ben: Keine Angst, ist werde schon an alles denken. Schalom!

Joel: Schalom!

Joel geht zu Joshua zurück.

Joel: Und, wie fühlst du dich?

J: Soweit ganz gut, nur meine Unterarme schmerzen noch und die Hände kribbeln.

Joel gießt aus einem kleinen Gefäß etwas Öl auf die Handfläche, stellt das Gefäß weg, verreibt das Öl in den Händen und massiert Joshua dann die Hände und Unterarme.

J: Wenn der Herr mich auf so wunderbare Weise vor dem Tod bewahrt hat, dann muss das doch einen Grund haben, oder, Joel?

Joel: Kann schon sein...

J: Vielleicht soll ich doch noch in der Endzeit an seiner Seite für den endgültigen Sieg seines Reiches gegen Satan kämpfen...

Joel: Warum nicht?

J: ...auf jeden Fall ist Jesaja jetzt erfüllt: Ein Gottesknecht hat sich für die Sünden seines Volkes kreuzigen lassen... ich kann jedenfalls keinen Grund mehr sehen, warum Gott jetzt immer noch auf sich warten lassen sollte...

Joel: Wer weiß?

J: Sein Erscheinen muss unmittelbar bevorstehen, vielleicht erscheint er schon in einigen Stunden - oder in wenigen Tagen...

Joel: Egal wie: Du solltest trotzdem so schnell wie möglich aus Jerusalem verschwinden.

J: Aber das müssen doch meine Jünger wissen, damit sie auf das Kommen des Herrn vorbereitet sind... Sie müssen doch sehen, wie wunderbar mich der Herr errettet hat... Nicht dass sie mutlos werden und an Gottes Ratschluss zweifeln...

Joel: Du willst also wirklich noch mal nach Jerusalem hineingehen?

J: Ich muss! Das bin ich meinen Jüngern, das bin ich dem Herrn schuldig...

Joel schweigt.

Blende. Schnitt.

Joel, Joshua, Benjamin und Mosat sitzen in der Grabkammer und essen. Inzwischen brennen drei Öllämpchen. Der Ausgangsspalt ist mit dem Leichentuch verhängt. Joshua ist neu eingekleidet und sein Aussehen ist deutlich verändert.

J: Jedenfalls danke ich euch für alles. Aber es ist jetzt an der Zeit, meine Jünger zu besuchen.

Joel: Heute geht es nicht, heute ist Sabbat; wenn du das unbedingt noch machen willst, warte bis morgen.

J. (schweigt zunächst, dann): Gut, aber morgen früh gehe ich los.

Ben. (kauend): Aber lass dich ja nicht erwischen!

Blende. Schnitt.

Joel, Benjamin, Mosat und Joshua sind in der Grabkammer. Joshua ist startklar.

J: So, ich geh jetzt! Schalom!

Joel: Gut, aber pass um Himmels willen auf dich auf. - Wenn du dann heute Abend Richtung Galiläa verschwindest, werden Ben und ich dich noch eine Wegstrecke begleiten.

J: Danke. Das ist lieb von euch.

Joel: Sagen wir, du bist zum Ende der neunten Stunde am Jaffator?

J: Gut, versprochen. Also bis dann, Schalom!

Die übrigen: Schalom, Josh!

Joshua hat sich gerade durch den Eingangsspalt nach draußen gedrückt, als Joel nacheilt. Er sagt durch den Türspalt zu Joshua:

Joel: Und - Joshua - kein Wort über uns, ja?[1]

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1. Aus: Martin, Wolfgang: Die seltsamen Begebenheiten im Leben des Joshua Ben Miriam. Eschatologisches Drama in drei Akten (Drehbuch). Berlin: Selbstverlag, 20232, 35. Szene

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